Das 10 Leckerli Spiel: zu Risiken und Nebenwirkungen…

Das 10 Leckerli Spiel, als kleines und effektives Trainingswerkzeug, ist bei vielen Hundehaltern bekannt und beliebt.

Entwickelt wurde das Spiel von Leslie Nelson (Shaping the future) und von cumcane (http://www.cumcane.de/) für den sog. Doppelten Rückruf weiterentwickelt.

Im deutschsprachigen Raum ist das 10 Leckerli Spiel vor allem als Trainingsmittel für einen sicheren Rückruf bekannt geworden. Viele Trainier und Hundehalter setzen das Brückensignal (Zählen von 1 bis 10) auch ein, um Impulskontrolle zu üben.

Ich liebe das 10 Leckerli Spiel und setze es im Training gerne für sämtliche grundlegende Basiselemente in der Hundeerziehung ein. Zusätzlich schätze ich, dass mit dem Spiel auch ein ungeübter Hundehalter schnell Erfolge in der Verhaltensänderung erreichen kann.

Das Spiel bietet alle Elemente, die man für gutes Training benötigt: das Zählen motiviert den Hund und macht ihn aufmerksam. Es gibt Belohnung in Form von Futter, Spiel und Bewegung. Das Timing, als der Zeitpunkt wann die Belohnung genau erscheint, formt und verstärkt Verhaltensweisen, die man trainieren möchte.

Die laut zählende Stimme wird zu einem starken und positiven Signal. Der Erfolg des Spieles beruht darauf, wie Hunde lernen und wie Signale im Gehirn bewertet und verarbeitet werden und darauf, dass mit den Signalen ein attraktives Belohnungsszenarium angekündigt wird.

Das Brückensignal kündigt Party an: Kekse werden gehetzt, gejagt, gesucht und gefressen. Es ist immer wieder faszinierend zu sehen, wie schnell wir mit diesem kleinen Spielchen Zugang zu Hunden finden.

Signale

sind Reize, die über die Sinnesorgane in unser Gehirn gelangen und dort im limbischen System bewertet werden. Es wird dabei geprüft, wie das Individuum auf dieses spezielle Signal reagieren und sich in Zukunft verhalten wird.

Das Signal durchläuft quasi mehrere Filter, die es auf seine Alltagstauglichkeit hin überprüfen, um Vor-und Nachteile im Überlebenskampf besser einschätzen zu können.

Damit in Zukunft schnell und sinnvoll reagiert werden kann, bekommt das Signal am Ende der Bewertung einen emotionalen Stempel aufgedrückt. Das Signal wird mit einem guten oder mit einem schlechten Gefühl verknüpft.

Die Bewertung findet immer auf dem Hintergrund der räumlichen Orientierung statt. Es wird also immer mit dem jeweiligen Ort in Zusammenhang gebracht und versetzt das Individuum in die Lage zu erkennen, wo es sicher ist, wo es Futter findet oder auch, wo ihm Gefahr droht.

Das 10 Leckerli Spiel baut, bei richtiger Anwendung, starke Signale auf, die positiv bewertet werden, die das Belohnungssystem ankurbeln und Hunde in eine positive Grundstimmung versetzen sollen.

Nebenbei verknüpft das Tier auch alle Signale, die zusätzlich vorhanden sind, mit dieser positiven Grundstimmung.

Genau diese Prüfung und Bewertung macht das 10 Leckerli Spiel so stark für den Alltag. Wir können mit dem Spiel bestimmte Signale sehr positiv mit einer Situation und mit unterschiedlichen Orten verknüpfen und immer wieder aufladen.

Allerdings drohen genau hier Risiken und Nebenwirkungen in der Anwendung.

Das 10 Leckerli Spiel als Spiel

Die Fähigkeit spielen zu können, ist ein genialer Schachzug der Evolution. Es erhält Verhaltensweisen stabil, die dem Überleben oder sozialen Zusammenhalt in Gruppen dienen. Im Spiel werden wichtigen Elemente von Verhaltensweisen geübt, oft und gut belohnt und sie werden dadurch auch ohne Erfolg über einen längeren Zeitrahmen immer wieder gezeigt.

Im 10 Leckerli Spiel finden wir in der richtigen Anwendung viele dieser Elemente wieder:

  • Im Spiel können wir mit dem Hund Spielregeln für unser Zusammenleben definieren und trainieren
  • Vernünftig eingesetzt, findet das 10 Leckerli Spiel zu 99% ohne Ernstbezug statt
  • Richtig gespielt ist das Spiel ein Lernspiel, es entwickelt und fördert bestimmte Verhaltensweisen
  • Durch wechselnde Rollen werden Hunde motiviert aktiv mitzuwirken, sie lernen, dass sie eine Situation kontrollieren und etwas bewirken können (z.B., dass der Keks -Wurf durch Blick vom Hund ausgelöst wird) Das verleiht Sicherheit und Selbstvertrauen
Welche Spielregeln trainiert und geübt werden, definiert das Spiel nicht.
Auch welche Verhaltensweisen genau entwickelt und gefördert werden, hängt davon ab, wie das Spiel gespielt und eingesetzt wird.

Das Spiel im Training

Für mich ist das 10 Leckerli Spiel ein ideales Trainingswerkzeug im Hundetraining, um fehlerfreies Lernen zu verwirklichen.

Wie im Clickertraining lassen sich gezielt Verhaltensänderungen in kleinen Schritten trainieren. Ein Lernkriterium wird vorher definiert und genügend oft belohnt.

Da jeder Trainingsschritt 10 x wiederholt wird, können Hunde schnell und effektiv lernen. Das Brückensignal „Zählen von 1 bis 10“ wird schon nach wenigen Wiederholungen zu einem hochwertigen Aufmerksamkeitssignal. Es motiviert Hunde und bringt sie schnell in einen aufmerksamen „Arbeitsmodus“.

Das 10 Leckerli Spiel bietet Signale, die die Lernmotivation steigern und trainiert diese Signale kontextbezogen (Ort, Stimmung)

Es wertet den Menschen im selbstbelohnenden Umfeld auf und bietet eine effektive Möglichkeit Verhalten oft und hochwertig zu belohnen und Signale immer wieder positiv „aufzuladen“.

Im Training werden Hunde so an unsere Spielregeln gewöhnt. Das Spiel fördert die Aufmerksamkeit und Bindung an den Menschen. Im Alltag hilft es Hunden in bestimmten Situationen die richtigen Entscheidungen zu fällen und ängstliche Hunde unterstützt das Spiel in heiklen Situationen.

Hunde, die Stress hatten, können mit diesem Spiel schnell wieder in unsere Welt geholt und in eine fröhliche Stimmung gebracht werden. Welche Signale und welche Emotionen allerdings nebenbei noch mit in unser Training hineinschwingen, entzieht sich manchmal unserer Kenntnis und das scheint mir die grösste Fehlerquelle bei der Anwendung des 10 Leckerli Spieles zu sein.

Gehen wir zu sorglos mit den Signalen des Spiels um und setzen wir das Spiel zu oft in Situationen ein, indem der Hund sich nicht wohl fühlt oder unerwünschtes Verhalten zeigt, dann wird unser Brückensignal sozusagen „vergiftet“.

Ein Beispiel ist die fast inflationäre Anwendung des Brückensignales (Zählen von 1 bis 10) um dem Hund Impulskontrolle zu trainieren. Schau ich mir YouTube Videos an, so sehe ich manchmal aufgeregt fiepende Hunde um Menschen herumtanzen, die währenddessen seelenruhig von 1 bis 10 zählen. Das Brückensignal „Zählen von 1 bis 10“ wird nun aber mit dem unruhigen Verhalten verknüpft, dass stattfindet, während der Mensch zählt.

Erinnern wir uns an das Bewertungssystem im Gehirn, dass nach Prüfung einer Situation den vorhandenen Signalen einen emotionalen Stempel aufdrückt. Das Signal (hier das Brückensignal) wird mit einer Handlung und der damit verbundenen Emotion verknüpft. Da nach der Zahl 10 die Leckerlis als Belohnung rollen, wird genau diese Unruhe verstärkt.

Was hier trainiert wird ist sicher nicht Impulskontrolle, sondern eher Suchtverhalten. Das Belohnungssystem wird zusätzlich noch angekurbelt, wenn die Kekse in hoher Geschwindigkeit gerollt oder geworfen werden.

Eine kluge Anwendung wäre, dem Hund ruhiges und entspanntes Verhalten zu belohnen. Das Signal „Zählen von 1 bis 10“ sollte in diesem Fall als Verhaltenskette rückwärts aufgebaut werden. Dadurch bestimmt der Hund selber, wieviel „Impulskontrolle“ er aufbringen kann.

Zeigt mein Hund, dass er nur das Zählen von drei Zahlen erträgt, dann übe ich eine ganze Weile nur mit diesen drei Zahlen, bevor ich ihm ein längeres Brückensignal zumute.

Beim Rückwärtsaufbau des Brückensignales lernt der Hund als allererstes die Zahl 10 als Markersignal kennen. Er lernt, dass „10“ die Belohnung ankündigt. Der Rückwärtsaufbau findet in einer entspannteren Grundstimmung statt, da der Hund das Ziel als erstes kennen gelernt hat.

Kann man das 10 Leckerli Spiel nun nie als Impulskontrollübung einsetzen?

Doch, wenn es sorgfältig aufgebaut wurde (d.h. der Hund kennt die Zahlenreihe vom Rückwärtsaufbau) und wenn das Brückensignal nicht mit unerwünschter Emotion und unerwünschtem Verhalten verknüpft wird.

Impulskontrolle kostet Energie und Kraft. Es ersetzt kein gutes Training.

Eine meiner Lieblingsübungen, um Verhalten länger zu erhalten, ist das Zählen des Brückensignales. Es wird im Einsatz zu einem Anker Signal (oder auch Keep going Signal oder IB) und gehört für mich zu einer klaren Kommunikation.

Gut trainiert kann das Brückensignal die Kooperationsbereitschaft unserer Hunde verstärken und die Entscheidungsfähigkeit unterstützen. Dabei lernt der Hund, dass das Signal stoppt, sobald er die Situation verlässt und sofort wieder startet, sobald er zeigt, dass er wieder zu Mitarbeit bereit ist. Ein wertvolles Werkzeug auch im Medical Training.

Das Spiel im Alltag

Nach sorgfältigem Aufbau haben wir mit dem 10 Leckerli Spiel ein hochwertiges und starkes Hilfsmittel in unserem Trainingswerkzeugkasten.

Die Versuchung scheint gross, das Brückensignal in allen möglichen Alltagssituationen einzusetzen. Der Hund ist ja sofort aufmerksam und orientiert sich am Menschen.

Aber auch hier gilt: mit Risiken und Nebenwirkungen.

Der Wert von dem Brückensignal wird aus Sicht des Hundes dauerhaft daran gemessen, was es genau ankündigen wird.

Timing

ist hier das wichtige Element des Spiels, was entscheidet, wie wertvoll unsere Signale in Zukunft für den Alltag bleiben werden.

Wenn das Brückensignal im Hundealltag als Hilfsmittel eingesetzt wird, um einem eher unsicheren oder ängstlichen Hund durch schwierige Situationen zu helfen, dann darf das Signal erst erscheinen, nachdem der Hund den kritischen Auslöser wahrgenommen hat.

Signale kündigen etwas an oder lösen ein Verhalten aus. Bei einem guten Timing wartet der Hundehalter darauf, dass sein Hund einen Auslöser wahrnimmt und startet dann mit dem Zählen. Das Brückensignal kündigt dann an: „gleich gibt es eine Belohnung, komm einfach mit mir mit.“

Bei einem schlechten Timing (oder mit schlechter Beobachtungsgabe) startet der Hundehalter das Zählen, bevor der Hund den Auslöser wahrgenommen hat. Dann wird das Brückensignal nach spätestens 2-maliger falscher Anwendung zur Ankündigung: „schau dich um, da muss was kommen, dein Mensch zählt“.

Die Emotion, die sich bei unsachgemässer Anwendung einstellen wird, ist eine ganz andere. Während der Hund bei gutem Timing mit jeder Situation lernt, sich selbstständiger mit der Situation auseinander zu setzen, wird bei schlechtem Timing der Auslöser durch das Brückensignal angekündigt.

Eine weitere Fehlerquelle sehe ich darin, dass oft weitergezählt wird, obwohl ein Hund nicht mehr aufmerksam ist und sich direkt in eine Situation begibt, ohne in Kontakt mit seiner Bezugsperson zu bleiben. Da fungiert das weitergezählte Brückensignal nur noch als sinnloses Lockmittel.

Ganz wichtig ist auch, die Signale in reizarmer und entspannter Umgebung immer wieder positiv aufzuladen, was leider hin und wieder vergessen wird. Es liegt dann nicht am Spiel selber, dass es im Alltag nicht „funktioniert“, sondern an der unsachgerechten Anwendung.

Das 10 Leckerli Spiel kann ein wirksamer Verhaltensunterbrecher sein, weil die Signale des Spiels so stark sind.

Tatsache ist aber, dass ein Verhaltensunterbrecher, bzw. Abbruchsignal immer nur ein Notnagel ist. Eleganter wäre es, unerwünschtes Verhalten nicht entstehen zu lassen.

Genau da liegt die messbare Stärke im Einsatz von dem 10 Leckerli Spiel im Alltag. Als Radiustraining eingesetzt, gibt uns das Brückensignal im Alltag die Information: „Wie wichtig bin ich im Moment in dieser Umgebung für meinen Hund“.

Dafür beginnt man auf einem Spaziergang ohne vorheriges Rufen o.ä. mit dem Zählen. Die Zahl, bei welcher mein Hund sich selbstständig zu mir umorientiert, gibt mir die wichtige Information, mit wieviel Aufmerksamkeit von ihm ich im Moment rechnen kann. Je höher die Zahl ausfällt, umso schwächer ist mein Zugang zum Hund und umso wichtiger ist die Umgebung in diesem Moment für ihn.

Nebenbei unterbreche ich mit einem Radiustraining Verhalten auf nette und freundliche Art, indem der Hund sich wieder in meine erwünschte Nähe begibt. Wenn nun eine Superbelohnung folgt, dann habe ich alle Signale in diesem Umfeld neu und hochwertig aufgeladen.

Die Belohnung

Wie der Name schon sagt, bei dem Spiel wird zuerst einmal mit Futter belohnt. Futterbelohnungen sind gut zu verwalten, jeder Hund muss essen und man kann in schneller Folge oft belohnen und das Training effektiv gestalten.

Wenn ein Hund kein Futter nehmen kann oder mag, dann zeigt das, dass Probleme bestehen, die vorher bearbeitet und gelöst werden sollten.

Die Qualität des Futters beeinflusst den Erfolg im Training und beim Einsatz im Alltag ganz entscheidend und muss immer aus Sicht des Hundes bestimmt werden.

Es lohnt sich allerdings, sehr früh im Training verschiedene Belohnungsmöglichkeiten einzusetzen. Zu einseitige Belohnungen schwächen sich mit der Zeit ab und verlieren ihre Wirkung.

Vielfalt bei den Belohnungsmöglichkeiten gibt uns im Alltag Handlungsspielraum und nebenbei erhöht es die Motivation des Hundes und dabei muss man sich nicht auf Futter beschränken.

Wie die Belohnung zum Hund kommt, hat natürlich auch wieder einen grossen Einfluss auf das Verhalten, welches trainiert wird. Belohnt wird die gesamte Verhaltenskette, also das gesamte Verhalten, was der Hund gezeigt hat, bevor er seine Belohnung erreicht. Üblicherweise ist ein hoher Erregungslevel gewollt, um Hunde „in Stimmung“ zu bekommen und die Belohnung hochwertiger zu gestalten. Es gibt aber oft Hunde, die als Erregungsjunkies unterwegs sind, da wäre ein hoher Energielevel Gift.

Habe ich einen hektischen und aufgeregten Hund, dann sollte die Belohnung ruhig überreicht werden. Lernen findet immer statt und die erwünschte emotionale Grundstimmung wird mit dem Brückensignal, mit der Stimme des zählenden Menschen und dem Umfeld in diesem Fall mit mehr Ruhe verknüpft. Zu oft wird sorglos Hektik und Unruhe verstärkt, indem die Belohnung auch noch mit hoher Energie und schnellem Tempo gegeben wird.

Es gibt Risiken und Nebenwirkungen bei unsachgerechter Anwendung. Trotzdem ist das 10 Leckerli Spiel ein geniales Werkzeug, um das Training und den Alltag mit unseren Hunden zu bereichern.

Wenn wir die drei Elemente, das Brückensignal, Belohnungsart und -ort und das Timing, sinnvoll einsetzen, dann ist das Spiel unschlagbar im belohnungsorientierten Training, um schnell und effektiv Erfolg zu haben.

Wir sollten das Spiel fachgerecht einsetzen und die Signale mit Respekt behandeln.

Erfolg stellt sich nur ein, wenn das 10 Leckerli Spiel sorgfältig gepflegt wird.